EBENDA the shortstory
 

Wie aus einem Wasserhahn fließt eine Menschenmenge die Treppen hinauf. Die wenigen, denen es möglich ist, behalten ihre rechte Hand fest auf dem eisernen Geländer. Das Geräusch der Straßenschuhe auf den Steintreppen hallt über die zugrunde liegende Stille der Mittagshitze bis in die obersten Stockwerke des Gebäudes. Unter ihrer schwarzen Kleidung schwitzend fließen sie an versperrten Türen vorbei. Von unten drängen immer mehr Menschen und alles wird zunehmend enger. Die Luft. Dann wird eine Tür geöffnet. Doppelflügig und schwer. Die Menge strömt von unten drängend in den Raum dahinter und die Türe fliegt wieder ins Schloss.

Sie stehen in einer großen Halle. Manche gleiten erschöpft zu Boden. Andere sind zu angespannt um auch nur einem Muskel die Freiheit eines kurzen Zuckens zu gestatten. Der Boden der Halle ist türkis gefließt, die weißen Wände heruntergekommen und die Decke sehr hoch. Die Fenster sind intakt und verschlossen. Für Hitze bleibt kein Platz. Vor einer Fensterreihe sitzen sechs Personen auf schlanken, schwarzen Holzstühlen. Die Frau links außen ist vermummt und trägt eine grüne Militärjacke. Neben ihr sitzt eine Frau mit einem Kind im Arm, das sie behutsam schaukelt. Das Kind hat sie, um es warm zu halten, in eine Plastikeinkaufstasche gewickelt. Es schläft. Neben ihr sitzt ein Mann in einem ebenfalls grünen Militärmantel, die Beine überschlagen und beide Hände auf den Knien. Brille. Er räuspert sich und mustert das Meer an Menschen. Eine Frau in einer Camouflagejacke mit langen schwarzen Haaren, den Patronengürtel wie eine Schärpe um ihren Oberkörper gewickelt, flüstert ihm ins Ohr. Sie besetzt den nächsten Stuhl. Zu ihrer rechten sitzt ein dicker Mann ohne Haare. Er ist schlicht gekleidet und trinkt keinen Kaffee, was seiner Haut guttut. Der letzte Platz wird von einem Schriftführer eingenommen. Ein Notizbuch am Schoß, das Bleistiftende im Mund. Die vermummte Frau erhebt sich von ihrem Stuhl. Das Klirren ihrer Schritte übertönt das Atmen der wartenden Menge. Sie hallen von den flachen Fensterscheiben und der hohen Decke wieder. Capitana Élise.

Der Mann in dem Militärmantel räuspert sich. Capitana Élise beginnt in die Menge zu schreien: „Das ist der Beginn des Krieges. Das ist die Gegenfront. Der Widerstand. Der Widerstand gegen den herrschenden Krieg. Dies ist der Beginn Ebendas. Der Beginn des absoluten Friedens.“ Sie verweist auf die hinter ihr sitzenden. „Edirne und Luis“ Die Frau blickt hoch, das Kind schreit. „Paul Protkin“ Er blickt durch seine Lesebrille. „Madam K. und Peter Klein“ Die Frau in der Camouflagejacke und der dicke Mann nicken synchron. „Sie bilden die Reihe der Vorsitzenden. Das ist erst der Anfang. EBENDA!“

Während Capitana Èlise die letzten Worte schreit, dreht sie sich im Kreis und tritt aus der Mitte. Der dicke Mann erhebt sich und steigt mit großer Anstrengung auf seinen Stuhl. Aus seiner erhöhten Position blickt er über die Menge und beginnt: „Mein Name ist Peter Klein und ich freue mich sehr heute hier stehen zu dürfen.“ Seine Stimme klingt freundlich, weich und hell, eventuell etwas zu hoch in Relation zu seiner Statur. Er lächelt: „Seit meinem ersten Amtsantritt bekleidete ich mehrere Positionen verschiedenster Art, doch heute vertrete ich den Sitz der Luftwaffenabwehr.“ Er greift in seine linke Hosentasche und holt einen Gegenstand hervor. Einen sehr kleinen Gegenstand. Mit seiner zweiten Hand unterstützt er den Vorgang des Einklemmens des Gegenstandes zwischen Daumen und Zeigefinger der ersten Hand. Eine Nähnadel. Er präsentiert sie seinem Publikum. „Effiziente Luftabwehr wäre, mir diese Nadel sofort zu entwenden. Man kann sie nur schwer entschärfen, aber durch Einspannen der Nadel in eine Nähmaschine können Risiken und eventuelle Folgeschäden minimiert werden. Aber lassen Sie mich Ihnen nun folgendes demonstrieren.“ Hier endet sein Vortrag. Peter Klein sticht sich die Nadel in den Bauch. Es zischt. Der soeben noch so korpulente Körper des Peter Klein schrumpelt zusammen wie ein Luftballon und schwirrt durch den Raum, bis letztendlich nur eine leere Hülle von Peter Kleins Körper, etwa zehn Zentimeter groß, nieder schwebt und auf dem Fliesenboden liegen bleibt.

Capitana Élise bezieht wieder ihre Position. Sie hebt die leere Hülle vom Boden auf und steckt sie anschließend in ihre Jackentasche. „Doch wir verweilen nicht.“, brüllt sie in die Menge, „NIE! Madam K.!“ Die Frau in der Camouflagejacke steht auf und reicht Capitana Èlise die Hand. Dann wendet sie sich der Menge zu. Sie nimmt die Maschinenpistole vom Rücken und legt ein Ende des Patronengürtels, den sie jetzt wie einen Schal um ihren Hals gewickelt hatte, in den Magazineingang. Sie blickt auf Paul Protkin. Dieser nimmt die Brille ab, steht auf und stellt sich in etwa acht Meter Entfernung vor Madam K. aufrecht, den Blick ihr zugewandt, auf. Er öffnet den Mund. Madam K., die eben noch ruhig und besonnen wirkte, macht einen Satz nach hinten, breitbeinig. Ihre geschnürten Militärstiefel fest am Boden, setzt sie die Maschinenpistole auf Paul Protkin an und schreit wie ein Tier. „Friss sie, Hund!“ Madam K. drückt den Abzug der Pistole so fest wie möglich und die Kugeln rattern aus dem Lauf. Die tausend Rückschläge fängt sie mit ihrer Hüfte auf. Paul Protkin steht nur da und schluckt die Kugeln. Mit dem Mund. 11 pro Sekunde. Und mit jeder Sekunde wandern 11 Zentimeter des Patronengürtels in das Maschinengewehr. Der Patronengürtel hängt an Madam K.‘s Hals. Um diesen wird es enger und enger. Sie schreit noch immer gegen Paul Protkin. Ihr Gesicht wird blau. Den Finger hält sie fest am Abzug, die Kugeln schießen aus dem Lauf, direkt in Paul Protkins Mund und somit Magen, und der Patronengürtel um Madam K.‘s Hals zieht sich so eng, dass ihr Gesicht schwarz wird. Ihr Schrei erstickt. Sie auch. Dann fällt ihr Körper zu Boden während der letzte Schuss nachhallt. Paul Protkin dreht sich um und geht. Er nimmt seinen Platz auf dem Stuhl wieder ein.

„EBENDA“, schreit Capitana Èlise über die vermummten Köpfe der Menschenmenge. „Das sind Ebendae. Ebendae. Ebendae.“ Die Menge schweigt. „Edirne und Luis!“ Die Frau stellt sich vor die schwarz gekleidete Front, das Kind im Arm. Sie überreicht es Èlise. Dann beginnt sie einen Ton zu summen. Nur einen Ton. Sie versucht ihn zu halten und beginnt sich auszuziehen. Auch ihre Kleidungsstücke reicht sie Èlise. Anschließend legt sie sich auf den kalten Fliesenboden, neben den toten Körper von Madam K. Capitana Èlise überreicht ihr das Kind in der Plastikeinkaufstasche. Es schläft. Edirne schließt die Augen und man sieht wie ihr Atmen ihre Brust hebt und senkt. Doch immer flacher wird ihr Atem und immer stiller die Bewegung ihrer Brust.

Élise kniet sich neben sie und fühlt ihren Puls. Sie nimmt das Kind von der Brust Edirnes, zurück in ihren Arm. Sie schreit: „Edirne ist tot.“ Sie reicht das Kind in der Plastikeinkaufstasche an Paul Protkin. Dann wendet sie sich wieder der vermummten und erstarrten Wassermenschenmenge zu. „Der Krieg hat begonnen. Wir sind im Widerstand. Legt euch auf den Boden! AUF DEN BODEN!“

Die ersten lassen sich auf ihre Knie nieder, setzen sich, legen sich in den Staub der türkisen Fliesen. Sie starren auf die zu hohe Zimmerdecke. Capitana Èlise wartet.

Alle liegen, auch die Linie der Vorsitzenden, Paul Protkin und der Schriftführer. Alle bis auf Capitana Élise. Sie schreitet zwischen den Körpern auf und ab. „Legt die Köpfe zueinander. So nah wie möglich.“ Sie spricht nun leise und gedämpft. „Das ist der gemeinsame Traum. Wir träumen gemeinsam. Wir träumen Ebenda. Je näher die Köpfe aneinander liegen, desto enger wird der Traum. Wo ist das Meer?“ Wieder hallen ihre Schritte von der Decke und den glatten Fensterscheiben. Diesmal beruhigend. Das konstante, stetige Klirren. Die Bestätigung, nicht allein zu sein. Das Atmen wird ruhiger und tiefer. Die ersten schlafen bereits. Und der Traum legt sich. Er bildet sich wie ein Nebel über all ihren Köpfen und erfüllt den Raum. Capitana Élise geht langsam auf und ab, an den träumenden Körpern vorbei. Der Traumnebel ist so dicht, dass man nur noch Capitana Élise erkennt. Die Menschen sind unter und in ihm verschwunden.

Draußen wird es dunkel.

Élise öffnet die Fenzter und läszt die kühle Abendluft in den Saal.

Wie ein Museum liegt der Raum.

Ein Lagerraum.

Inmitten der Porzellanglazzcheiben.

Die Journalistin schreibt neben der Teetasse.

Ein Wazzerkocher neben der entleerten Federkernmatratze.

Notwendigkeiten der kritizchen Individuen

die Plastik alz Geschenk kaufen.

Wir brauchen die Fahrräder nicht mehr.

Die Türen sind versperrt und die Räume benützt.

Die Lichter sind an. Sie scheinen auf die Gehsteige.

In dem leeren Zimmer eines alten Mietshauses in einer großen Stadt brennt noch eine Glühbirne.

Das fahle Licht leuchtet den Raum ausreichend aus. Unterhalb des Fensters liegt eine Matratze am Boden. Élise und Paul Protkin sitzen darauf und trinken Tee aus Tassen.

Ein Geschenk das Élise vor langer Zeit von einem Freund bekam und einer der wenigen Gegenstände die sie besitzt. Paul Protkin stellt die ausgetrunkene Teetasse wieder zurück auf den Fußboden. Er lehnt sich mit dem Rücken gegen die kalte Wand und betrachtet Élise. Sie führt ihre Teetasse mit beiden Händen an den Mund und schluckt. Für einen kurzen Moment schließt sie die Augen. „Bist du müde?“ Élise nickt und stellt auch ihre Tasse auf dem Boden ab. Dann sieht sie zu Paul Protkin, der seinen Hinterkopf gegen die Mauer presst. Er starrt zur Zimmerdecke. „Sind sie auf den Plantagen?“ Wieder nickt Élise. „Sie sammeln Orangen vom Boden. Wir kommen morgen. Sie warten auf uns.“ Sie steht auf und geht ans Fenster. Hinter der Glasscheibe schwimmen Fische. Im Sonnenlicht ist das Wasser grün, aber im Moment beinahe schwarz. Élise sieht mehr ihr Spiegelbild als die Fische. Sie betrachtet sich eine Weile, dann lässt sie sich wieder auf der Matratze, neben Paul Protkin nieder. „Wie lange glaubst du, dass es dauern wird?“ Paul Protkin zuckt mit seinen Schultern. Nach einer Weile antwortet er: „Einen Monat oder zwei.“ Jetzt ist es Élise, die ihren Hinterkopf gegen die Wand presst und an die Zimmerdecke starrt. Für eine lange Zeit. Dann sinkt sie ganz in die Matratze. Paul Protkin nimmt die zwei weißen Leintücher um Élise zuzudecken. Er legt sich neben sie und nimmt ein Ende des Leintuches für sich. Ihre Körper berühren sich. Élise hat ihre Augen geschlossen. Die Glühbirne brennt durch und das Zimmer wird finster.

Paul Protkin dreht sich zur Seite, das Gesicht zur Tür gewandt. Élise schläft bereits.

Die weißen Wände sind unscharf, weil er den Fokus seiner Pupille verliert.

Der Himmel ist Meer und Fische schwimmen anstatt der Wolken.

Im Boden spiegelt sich das blaugrüne Wasser.

Eine weite Ebene nur flach und langsam.

Die Besitztümer sind durch Stacheldraht voneinander getrennt.

Gespannt den tiefen Himmel durchzchneidend.

Die Uniformen zind Bindung.

Pflichtbewuzst weit voneinander.

Orgazmus.

Gedruckt vermittelt Flugblätter

Gezchleudert Ztirn verztehen.

Himmelmazchinengewehr.

Eingegrenzt; Arbeit.

Wir zchlafen offiziel.

Zäubern

Plaztikflazchen.

Hauptwazzerhahn

der

betonierten

Bewäzzerungzkanäle.

Ich stehe zwischen.

Ich will auf der Seite sein.

Auf der Unbesetzten, der leeren.

Wo alle stehen sind zu viele.

Orangen wachzen im Sommer in Hitze.

Wo finden sich der Schatten und das Blau?

Träge sind die Schritte.

Von Himmel zu Himmel.

Immer gelb und sandstaubschwer.

Die Orangenplantagen erstrecken sich endlos durch das Tal, das von beiden Seiten von violetten Hügeln eingeschlossen ist. Der Himmel ist weiß und trocken. Die Erde, die das Tal bedeckt und aus der die Pflanzenreihen sprießen, ist Staub. Die betonierten Bewässerungskanäle sind trocken und die Morgenhitze liegt lahm in der Luft.

Entlang der Linien der Orangenpflanzen bewegt sich eine Menschengruppe. Ein dünner Strich in der Landschaft. Eine Person hinter der anderen, die linke Hand auf der Schulter der Person vor ihr. Sie sind, mit Ausnahme der grünen Militärjacken, schwarz gekleidet und ihre Augen sind mit Tüchern verbunden. An ihrer Spitze geht Capitana Élise. Sie hört auf das leise Meer an Erzählungen der Armee. Sie kann sehen, was die anderen nicht sehen. Alle sehen nur ihren eigenen Traum. Élise sieht die Landschaft aller Träume der Schlafenden. Wie sich die Welten zusammenfügen und gegeneinanderstellen um dann in sich zu zerfallen. Aber sie sieht auch nur, was man sehen kann. Alles, das aus dem Bereich der Sicht bleibt, liegt außerhalb ihrer Wahrnehmung. Die Erzählungen, das leise Murmeln der Armee erzählt vom Unsichtbaren in den Träumen.

Sie erzählen Élise vom spiegelverkehrten Meer, das unter den Orangenplantagen liegt.

Früher waren die betonierten Bewässerungskanäle mit Wasser aus den großen Flüssen gefüllt. Das endlose Tal war fruchtbar und die Orangen hingen wie Trauben auf den üppig grünen Bäumen. Doch als das spiegelverkehrte Meer auszutrocknen drohte, weil die Fische zu viel Wasser daraus getrunken hatten, wurde das Militär angefordert. Sie kamen mit Panzern und Geländewägen, stellten die Standmaschinengewehre entlang der betonierten Bewässerungskanäle auf und pflückten die Orangen von den Bäumen. Dann schossen sie auf die Bewässerungskanäle. Durch die Einschusslöcher in den betonierten Wänden strömte das Wasser in das darunterliegende Meer. Seither liegen die Bewässerungskanäle trocken.

Élise hat das spiegelverkehrte Meer nie gesehen. Sie sieht nur die Einschusslöcher und vereinzelt herumliegende vertrocknete Fische, die durch die Löcher aus dem Meer in die Bewässerungssysteme geschwommen sind und ihren Weg nicht mehr zurück fanden. Jetzt liegen sie tot.

Sie erzählen ihr von den Frauen die auf den Plantagen arbeiteten.

Wie sie die Schale von den Früchten trennten.

Ihre Augen wurden schlecht.

Ihre Brillen waren aus Porzellanglas.

Sie sehen in die Ferne.

Gut.

Sehr weit weg.

Die Oberarbeiterin.

.G,.

Ein Fisch.

Das spiegelverkehrte Meer.

Alles ist weit

Während die Wellen schlagen.

Und etwas zieht gegen den hellen Lichtpunkt.

Näher; eine Strömung gegen den hellen Lichtpunkt.

Durch ein Einschussloch in der Betonwand der Bewässerungskanäle hindurch,

der Fisch verschwindet.

Die Luft ist trocken.

Es ist viel heller als zuvor.

Die Orangenplantagen erstrecken sich über das ganze Tal und scheinen kein Ende zu nehmen.

Es ist anders als ich es mir vorgestellt hatte. Der Himmel ist nicht weiß und die Erde nicht vertrocknet.

Die Farben sind nicht warm. Die Hitze steht nicht.

Vielmehr ist alles in Hitze getränkt.

Der Himmel ist violett und grenzt an ein Schwarz und die Hügel, die das Tal begrenzen,

schränken es in Wirklichkeit ein. Auch sie sind violett. Die Orangen selbst sind noch nicht reif, aber die Stauden neigen sich schon ihrem Lebensende zu. Ihre Wurzeln stecken in Staub. Sie versuchen, die letzten Reste aus dem toten Boden herauszuziehen. Über der Landschaft liegt Stille. Der Glockenturm selbst ist nicht zu sehen, aber das stetige Läuten der Glocken ist die penetrante Erinnerung daran, dass man noch lebt. Neben mir liegt Élise, versteckt unter den vertrockneten Orangenpflanzen. Sie liegt wie ich auf dem Bauch. Die Gesichter einander zugewandt sehen wir unsere Augen. Ihre Wange liegt im Staub. Wir warten bis das Läuten der Glocken verstummt ist. Vielleicht sind sie bereits weg und suchen uns nicht mehr. Vielleicht suchen sie uns unter ihren Gefangenen. Paul Protkin haben wir verloren. Wie und wo wissen wir nicht. Außer uns liegt hier niemand mehr auf der Erde, versteckt unter verdorrten Pflanzen, die nicht wirklich ein Versteck bieten. Élise‘ Augen sind tief. Ich sehe mein Spiegelbild darin. Sonst gibt es hier nicht viel zu sehen. Die Glocken verstummen. Der Wind der durch das Tal zieht ist noch zu hören. Hinter den Hügeln steigt Rauch auf. Dann deutet mir Élise mit dem Kopf. Ich folge ihrem Blick und sehe auf die Hügel. Eine lange Schlange an Menschen geht dort. Einer hinter dem anderen. Manche tragen Gewehre, andere die Hände hinter dem Kopf. Ich will sie nicht sehen. Ich will Élise sehen, nicht den Krieg. Ich will ihre Träume und ihre Siege. Nicht hier im trockenen Staub zwischen toten Orangenpflanzen, nicht hier in der Niederlage liegen. Ich will mit ihr auf türkisen Fliesen in einer Halle, deren Decke zu hoch ist, den Traum nochmal beginnen. Und anders. Mit neuen Ansprüchen. Er soll beginnen, wo er jetzt endet und enden, wo er begonnen hat. In Élise‘ Augen sammeln sich Tränen, aber sie lässt keine in den Staub fallen um sie dort einfach nur versickern zu lassen. Sie schließt ihre Augen. Als sie sie wieder öffnet sind sie klar und konkret. Ein Schrei ertönt aus der Linie der Menschen auf dem Hügel. Er eröffnet ein Meer an Schreien und sie halten an. Ihre Blicke richten sich ins Tal. Sie können uns nicht sehen, weil der Himmel zu violett ist, sagt Élise. Aber sie sagt es nicht mit der gewohnten Überzeugung. Sie hat Angst wie ich. Bewaffnete Menschen steigen den Hügel hinunter. Auf die Plantagen zu. Ihre Gesichter sind verhüllt und um ihre Oberkörper winden sich so viele Patronengürtel, dass ihre Kleidung nicht mehr zu erkennen ist. Einer von ihnen schreit Kommandos, die anderen gehen voran. Wir hören ihre Schritte im Staub. Sie brechen die Orangentriebe. Sie atmen tief und schnell. Élise sieht mich an. Ruhig, und es scheint, als ob ihre Augen lachen würden. Dann sagt sie, dass sie mich liebt. Ich weiß nicht was ich antworten kann und erwidere nichts.

Sie nehmen mich jetzt an der Schulter und werfen meinen Kopf gegen den Boden, richten mich auf um mir in die Wirbelsäule zu treten. Aus den Winkeln meiner Augen kann ich noch sehen, wie sie Élise‘ Hände auf ihrem Rücken gegen ihre Schultern pressen und ein schmerzendes Trommelfell schluckt einen zerreißenden Schrei. Ich kann Élise nicht mehr sehen und höre auch nichts mehr außer dem Wind, der durch das Tal streift und das Läuten der Glocken. Sie schieben mich den Hügel hinauf und binden mir die Hände hinter meinem Kopf zusammen. Dann weisen sie mir einen Platz in der Reihe zu. Der Trupp setzt sich fort und langsam durschneidet die Linie an schwarz vermummten Menschen, die Waffen tragen und traurig geschlagenen Menschen, die ihre Hände auf dem Kopf tragen, die Landschaft. Der Rauch der hinter den Hügeln aufsteigt hat nun den violetten Himmel schwarz gefärbt. Wir kommen bei dem Glockenturm an. Die Gefangenen werden durch die lochartige Eingangstüre ins Innere geworfen. Dort warten bereits viele Menschen. Männer und Frauen jeden Alters. Das Konzept der Kindheit gibt es nicht. Sie schlafen am Boden und urinieren hinter einen, als Sichtschutz dienenden, umgestürzten Tisch. Jemand erzählt vom spiegelverkehrten Meer. Die Neuankömmlinge scheinen kaum zu interessieren und sie bewegen sich nicht als wir uns Plätze zwischen ihren bestehenden Plätzen suchen. In der Kapelle ist es so dunkel wie draußen unter dem schwarzen Himmel. Paul Protkin ist nicht da. Die Gefangenen läuten die Glocken. Ich denke an Élise. An ihren Himmel, der an meinen grenzt. Ich krieche zu einem der kleinen Fenster des Glockenturms und ziehe mich an der Mauer hoch. Der Sand des Verputzes kratzt mir die Haut wund. Ich sehe, wie sie stehen, auf dem Platz vor dem Glockenturm, mit ihren Maschinengewehren und Patronen. Es ist ziemlich finster, aber sie haben das Zentrum ihrer Versammlung mit drei Glühbirnen ausgeleuchtet. Ein Dieselgenerator rattert in naher Entfernung. Inmitten des elektrischen Diesellichts hängt Élise, gefesselt an einen toten Baum. Ihr Tuch vom Kopf gerissen und in den Mund gesteckt. Ihr Kopf hängt von ihrem Hals zum Boden. Die langen Haare winden sich über ihre Schulter. Lange habe ich sie nicht mehr so gesehen. Aber jetzt, ihre Lippen, ihren Hals, ihre Ohren, ihre Stirn. Élise. Ein Mann kommt auf sie zu und reißt ihr den knebelnden Stoff aus dem Mund. Er wirft ihn zu Boden. Élise spricht nicht. Der Mann erklärt Élise, dass er ihr nun ihr Urteil verkünden wird. Er greift in seine Hosentasche und holt einen Zettel hervor. Er entfaltet ihn, bis er seine ursprüngliche Größe hat und beginnt zu lesen. Sein Lesen scheint endlos . Als er fertig ist, faltet er das Papier wieder sorgfältig und verstaut es in seiner Tasche. Élise hängt gefesselt am toten Baum. Der Mann fragt sie, ob sie verteidigende Worte hätte. Da blickt Élise kurz auf, sieht ihn an, ihre Augen lächeln, dann fällt ihr Kopf ermattet zurück auf ihre Brust.

Er schreit ein Kommando an die bewaffneten Männer und tritt aus dem elektrischen Licht. Sie alle erheben ihre Maschinengewehre und zielen auf Élise. Viel zu viele Läufe mit viel zu vielen Kugeln. Der Kommandant schreit, die Männer schießen, die Kugeln fliegen. In den Körper von Élise. 836 Kugeln in Élise. Élise ist tot. Capitana Élise ist tot. Gefesselt an einen toten Baum. Der Himmel ist schwarz. Die Gefangenen in der Kapelle haben die Schüsse gehört. Sie legen sich auf den Boden und starren an die zu hohe Zimmerdecke. Durch die kleinen Fenster fällt violettes Licht in die Kapelle. Die Gefangenen schlafen. Sie träumen von Reisfeldern. Ebenda.

Ich würde gerne Wasser trinken.

 

 

 

© Chili Tomasson

Impressum